Was macht eine Verwaltung eigentlich "gut"? Neue Publikation von Prof. Dr. Michael Schorn, Prof. Dr. Anna Steidle und Dr. Julia Kaesmayr erschienen

Institut für Angewandte Forschung| Nachricht vom 26.06.2026

Das Recht auf eine gute Verwaltung ist in Artikel 41 der EU-Grundrechtecharta verankert – doch eine wissenschaftlich anerkannte und umfassende Konzeptualisierung dessen, was "gute Verwaltung" konkret bedeutet, fehlt bislang. Diese Lücke erschwert nicht nur die verwaltungswissenschaftliche Forschung, sondern auch die Bewertung konkreter Reformen, etwa beim zunehmenden Einsatz von KI-Agenten in der öffentlichen Verwaltung.

 

Das Autorenteam um Prof. Dr. Michael Schorn (Institut für Wirtschafts- und Politikforschung, Köln / Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg), Dr. Julia Kaesmayr (Fachhochschule Kärnten) und Prof. Dr. Anna Steidle (Hochschule Ludwigsburg / Universität Hohenheim) stellt sich genau diesem Problem. Ihr Beitrag "Conceptualizing and Measuring Good Administration" erscheint im International Public Management Review und ist frei zugänglich als Open-Access-Publikation.

 

Die Studie folgt einem klaren methodischen Dreischritt:

  • Rechtliche Fundierung: Die Kriterien guter Verwaltung werden systematisch aus dem Verfassungs- und Verwaltungsrecht abgeleitet und mit den Präferenzen relevanter Stakeholder abgeglichen – aufbauend auf der Vorarbeit "Understanding the Quality of Administrative Action: Who and What Counts?".
  • Präzise Operationalisierung: Mithilfe des C-OAR-SE-Verfahrens werden die rechtlich hergeleiteten Kriterien mit konkretem Verwaltungshandeln verknüpft – beispielhaft anhand rechtsgestaltender Verwaltungsakte wie Baugenehmigungen oder Einbürgerungsverfahren.
  • Empirische Validierung: In einer Befragung von 519 Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern in kommunalen Verwaltungen Baden-Württembergs wurde ein Messinstrument mit 36 Items erprobt und statistisch ausgewertet.

 

Ergebnisse: Vier Dimensionen guter Verwaltung

 

Eine Hauptkomponentenanalyse der Befragungsdaten identifizierte vier weitgehend unabhängige Dimensionen, die gute Verwaltung messbar machen: Sorgfalt / Auftragserfüllung, Effizienz, Informationsqualität sowie Responsivität / Unterstützung.

Die Ergebnisse liefern dabei zwei besonders aufschlussreiche Befunde:

 

Häufig genannte Kriterien wie Fairness oder Verhältnismäßigkeit lassen sich nicht trennscharf einer einzigen Dimension zuordnen, sondern verteilen sich über mehrere. Pauschalfragen wie "Wie fair ist die Verwaltung?" erweisen sich damit als methodisch ungeeignet.

Der vielfach vermutete Zielkonflikt zwischen Effizienz und Sorgfalt findet in den Daten keine Bestätigung. Der Befund legt nahe, dass nicht allein die Menge an Ressourcen über Akkuratesse und Schnelligkeit entscheidet.

 

Bedeutung für Wissenschaft und Praxis

 

Die Studie richtet sich an zwei Zielgruppen. Für die Wissenschaft bietet der Ansatz eine Methode zur Identifikation von Public Values sowie inhaltlich valide Variablen für die empirische Verwaltungsforschung. Für Politik und Verwaltung entsteht eine analytische Grundlage für Benchmarking, Monitoring und die Evaluation von Reformen sowie technologischer Interventionen – etwa beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

 

Die Autorinnen und der Autor betonen: In Zeiten tiefgreifender Transformation – digital, organisatorisch, rechtlich – braucht es klare Kriterien, um Veränderungsprozesse evidenzbasiert zu steuern. Eine valide Konzeptualisierung von Good Administration ist daher keine akademische Spielerei, sondern eine unabdingbare Voraussetzung für wirksame Verwaltungsmodernisierung.

Prof. Dr. Michael Schorn
im Personenverzeichnis im Internet veröffentlichen
Honorarprofessor

Michael Schorn ist Honorarprofessor an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg und leitet derzeit als Vorstand das Institut für Wirtschafts- und Politikforschung in Köln. Nach dem Studium der VWL an der Universität zu Köln promovierte er an der Georg-August-Universität Göttingen zu den Bürokratiekosten von KMU. Er forscht interdisziplinär u.a. zu den Folgen und Determinanten des Verwaltungshandelns. Im Rahmen seiner Forschung war er außerdem Mitglied in verschiedenen Expertengremien der Europäischen Kommission und Sachverständiger des Deutschen Bundestags zur Einführung des Nationalen Normenkontrollrats und unterstützte die Umsetzung des OZG im Digitalisierungslabor „Unternehmensgründung“.

Prof. Dr. Anna Steidle
Fakultät I
Professorin für Verwaltungsmanagement, insbesondere Personalmanagement und Führung

Anna Steidle ist Diplompsychologin und seit 2016 als Professorin für Verwaltungsmanagement mit den Schwerpunkten Personalmanagement und Führung an der HVF tätig. Nach ihrer Promotion an der TU Chemnitz 2010 leitete sie zunächst die Arbeitsgruppe „Menschen in Räumen“ am Fraunhofer Institut für Bauphysik in Stuttgart und dann von 2013 bis 2016 als Vertretungsprofessorin den Lehrstuhl für Wirtschaft- und Organisationspsychologie an der Universität Hohenheim. Nach ihrer Habilitation an der Universität Frankfurt 2015 und der Berufung als Professorin für Wirtschaftspsychologie an die FH Bielefeld nahm sie 2016 den Ruf an die HVF an, wo sie von 2017 bis 2022 als Prorektorin für Forschung und Internationales diente. Seit 2020 ist Anna Steidle an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hohenheim assoziiert und betreut dort regelmäßig Promotionen. Seit 2022 vertritt sie die HVF im Leitungsteam des kooperativen Promotionskollegs „Good Administration“.


Gemeinsam mit Martin Sauerland und Benedikt Englert forscht sie im Institut für Organisation, Personal und Arbeit.

Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre umfassen:
-        Gesundheit am Arbeitsplatz: Prävention und Intervention
-        Neue Technologien, neue Räume und Formen der Arbeit: Wirkungen und Ansätze zur Arbeitsgestaltung
-        Führung im öffentlichen Sektor: Führungsmotivation und -verständnis, Frauen in Führungspositionen, Diversität
Für öffentliche Verwaltungen bestehen zahlreiche Möglichkeiten zur Mitwirkung und Einbindung in die aktuellen Forschungs- und Lehrprojekte.
Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet Anna Steidle als Trainerin und Beraterin für Organisationen u.a. zu den Themen Führung, Kommunikation und Selbstmanagement.