Welche Rolle spielt Verwaltung bei gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, insbesondere bei Antisemitismus?
Diese Frage bildet die Grundlage des Projekts „Demokratie in der Verwaltung stärken – Antisemitismus erkennen und wirksam begegnen“, das im August 2026 an der HVF gestartet ist. Finanziert durch Mittel der Baden-Württemberg Stiftung im Projekt "Bildung gegen Antisemitismus" finden in den kommenden zwei Jahren zahlreiche Veranstaltungen zum Thema an der Hochschule statt. Die Studierenden sollen in ihrer Kompetenz gestärkt werden, Antisemitismus zu erkennen und ihm angemessen zu begegnen. Es geht um die Fragen nach historischer Verantwortung, Erinnerungskultur, den Grenzen berechtigter Kritik in der aktuellen politischen Lage oder auch nach der wachsenden Anhängerschaft von Verschwörungserzählungen.
Wieso Verwaltung?
Neben der persönlichen Befähigung, Antisemitismus zu erkennen und sich dazu zu verhalten, sind angehende Beamt:innen des öffentlichen Dienstes auch als Multiplikator:innen eine besonders spannende Zielgruppe. Die Kommunalverwaltung ist vielfach der erste und alltagsnächste Kontaktpunkt, den Bürger:innen mit der Verwaltung haben. Ein klares und spürbares Bekenntnis zum Gleichbehandlungsgrundsatz und der freiheitlichen Demokratie sind hier zentral für das Vertrauen der Bürger:innen. Zudem tragen die Alumni ihre Haltung als potenzielle Führungspersonen auch innerhalb der Verwaltung weiter. Diesen Anspruch spiegeln auch die geplanten Veranstaltungen wieder.
Im Bachelor Public Management bieten die Professorinnen Sarah Bunk und Friederike Meurer im Wintersemester '26/'27 und Sommersemester '28 ein Fachprojekt mit dem Titel "Demokratiefeste Kommune – Ein Planspiel für antisemitismuskritisches Verwaltungshandeln" an. Hier erarbeiten 15 Studierende anhand einer fiktiven Baden-Württembergischen Kommune Handlungsempfehlungen für die Verwaltung, sei es im Bereich Prävention oder z.B. bei antisemitischem Vandalismus.
Im Bachelor Steuerverwaltung gestaltet Prof. Gunda Rosenauer dieses Semester ein Wahlpflichtfach zum Thema "Wo aus Erinnerung Haltung wird – Ein Lernwochenende zu jüdischem Leben, Verantwortung und Zivilcourage in der ehemaligen Synagoge Freudental". Die Teilnehmenden verbringen ein Intensivwochenende an einem Erinnerungsort im Landkreis, erleben jüdische Geschichte in der Region hautnah und erarbeiten Empfehlungen zum Umgang z.B. mit Verschwörungserzählungen, Antisemitismus online, jüdischem Leben in Baden-Württemberg oder auch Zivilcourage im Umgang mit Diskriminierung.
Kompetente Partner im Boot
Eine zentrale Säule des Projekts ist der Einbezug sowohl von Praxispartnern als auch jüdischer Perspektiven. Kooperationspartner ist das Pädagogisch-Kulturelle Centrum Ehemalige Synagoge Freudental, inhaltlich unterstützt wird das Projekt zudem vom Jüdischen Bildungswerk Württemberg. Über die zweijährige Laufzeit werden auch darüberhinaus Expert:innen eingebunden, sei es aus der jüdischen Community, der Extremismusforschung oder der politischen Bildung.
Implementierung über die Projektlaufzeit hinaus
Die gewonnenen Erkenntisse sollen im Sinne der Nachhaltigkeit auch über die Projektlaufzeit hinaus nutzbar gemacht werden – sowohl für kommende Studienjahrgänge als auch für die Verwaltungspraxis im Land. Zu diesem Zweck arbeiten alle Studierendengruppen unter der fachlichen Aufsicht des Projektteams an der HVF und der Kooperationsparter an einem Handlungsleitfaden zum Umgang mit Antisemitismus in Kommunen. Hier fließen Empfehlungen zur Prävention und Intervention ein, zu den rechtlichen Grundlagen, der Frage nach Rechten, Pflichten, aber auch Grenzen kommunaler Befugnisse. Zudem soll der Blick sowohl auf antisemitische Handlungen außerhalb als auch innerhalb der Verwaltung gerichtet werden.
Der Leitfaden wird zum Projektende im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt.
Weiterführende Links
Jüdisches Bildungswerk Württemberg
Pädagogisch-Kulturelles Centrum Ehemalige Synagoge Freudental
Projekt "Bildung gegen Antisemitismus" der Baden-Württemberg Stiftung