Ludwigsburger Gedankengänge: Prostitution in unserer Gesellschaft

Nachricht vom 19.05.2026

Warum Wegsehen keine Option ist, auch in Ludwigsburg nicht

Es gibt Abende, die einen nachdenklich zurücklassen, dieser Abend war einer davon. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Gedankengänge", die von den Ludwigsburger Hochschulen gemeinsam mit der Stadt Ludwigsburg organisiert wird, fand an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg eine Veranstaltung statt, die vielen Teilnehmenden noch lange in Erinnerung bleiben dürfte. Das Thema: Prostitution und warum Schweigen und Wegsehen keine Option sind.

 

Ein Thema, das uns alle angeht

 

Oft wird Prostitution als Randthema behandelt, als etwas, das irgendwo am Rande der Gesellschaft stattfindet und mit dem die meisten von uns nichts zu tun haben. Bei der Veranstaltung wurde schnell deutlich, dass das ein Irrtum ist. Prostitution berührt grundlegende Fragen unseres Zusammenlebens: Menschenwürde, Gewalt, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Verantwortung, und darum betrifft es auch uns in Ludwigsburg.

 

Zahlen, Mythen und eine unbequeme Realität

 

Den Auftakt machte Prof. Dr. Gunda Rosenauer mit einer Einführung in die Situation: Zahlen, Hintergründe und die weit verbreiteten Mythen rund um das Thema Prostitution. Dabei ging es auch um Argumente, die vielen zunächst plausibel erscheinen, etwa die Annahme, dass strengere Regelungen Prostitution lediglich „ins Dunkelfeld verdrängen“ würden. Diese Befürchtung bestätigt sich nicht, wenn man die Erfahrungen aus anderen Ländern mit anderer Gesetzgebung in den Blick nimmt. Im Gegenteil: Dort zeigen sich deutlich bessere Möglichkeiten zum Schutz und zur Unterstützung betroffener Frauen. Diese Einordnung legte die Grundlage für eine Veranstaltung, die zunehmend persönlicher, eindringlicher und berührender wurde.

 

Wenn die Seele sich schützt und was das über uns sagt

 

Dr. Brigitte Schmid-Hagenmeyer, Psychologin und Traumatherapeutin, beleuchtete Prostitution aus psychotraumatologischer Perspektive. Sie machte deutlich, wie eng Prostitution, Gewalt und gesellschaftliche Machtverhältnisse miteinander verwoben sind. Viele Frauen in der Prostitution, so erläuterte sie, können das, was ihnen widerfährt, nur durch Dissoziation und psychische Abspaltung überhaupt ertragen. Der Körper funktioniert weiter, während sich innerlich etwas abspaltet. Denn Nähe und Penetration durch fremde Menschen löst naturgemäß Ekel, Angst oder inneren Rückzug aus.

 

Vor diesem Hintergrund stellte sie eine Frage, die nachdenklich macht: Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn der Kauf von Frauen für sexuelle Dienstleistungen gesellschaftlich als normal gilt? Als mögliche Antwort auf diese Frage stellte sie das Nordische Modell vor, ein rechtlicher Ansatz, der nicht den Verkauf sexueller Dienstleistungen, sondern deren Kauf unter Strafe stellt. In Schweden gilt dieses Gesetz bereits seit 1999. Übersetzt heißt es „Frauenfrieden“ und der Name ist Programm. Es geht um mehr als eine rechtliche Regelung. Gemeint ist ein gesellschaftlicher Kulturwandel, der über Jahrzehnte gewachsen ist. Das Auffälligste dabei: Die Scham hat die Seite gewechselt. Nicht die Frauen in der Prostitution werden stigmatisiert, sondern der Kauf sexueller Dienstleistungen gilt als gesellschaftlich nicht akzeptabel. Kinder und Jugendliche wachsen dort mit der Haltung auf: So etwas tun wir nicht.

 

Schicksale, die bleiben

 

Wolfgang Fink, Kriminalhauptkommissar a.D., sprach aus der Perspektive jahrelanger Polizeiarbeit. Sein Beitrag war alles andere als ein trockener Erfahrungsbericht. Man spürte, wie sehr ihn einzelne Begegnungen und Schicksale bis heute nicht loslassen und warum er es als seine Aufgabe betrachtet, über die Realität von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung aufzuklären. Solche Zeugnisse von Innen sind selten. Und sie sind wichtig und wertvoll.

 

Was Zahlen nicht zeigen und was Freierforen tun

 

Besonders eindrücklich war der Beitrag von Edgar Lichtner und Jörg Maihoff vom Ludwigsburger Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution. Gemeinsam mit dem Publikum richteten sie den Blick auf die Außendarstellung des Eroscenters in Tamm und damit auf eine Realität, die geografisch nah und doch meist unsichtbar bleibt. Zu sehen war, wie Frauen dargestellt werden, welche Praktiken beworben werden und mit welcher erschreckenden Selbstverständlichkeit entwürdigende Sprache zum Einsatz kommt. Im Saal machte sich spürbare Betroffenheit, Erschütterung und starkes Unbehagen breit, das für viele kaum auszuhalten war.

 

Eine Veranstaltung, die nachhallt

 

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurden Fragen aus dem Publikum aufgegriffen.

 

Dr. Iris Rauskala, die Rektorin der HVF, betonte, dass das Thema gerade an einer Hochschule für den öffentlichen Dienst relevant ist. Viele Studierende der HVF werden später Verantwortung in Verwaltung, Finanzverwaltung, Polizei oder Justiz übernehmen. Durch ihren Amtseid sind sie besonders verpflichtet, sich mit Fragen von Menschenwürde, Gewalt, Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Haltung auseinanderzusetzen und nicht wegzusehen, wenn Menschen ausgebeutet und entwürdigt werden. Dazu gehöre auch persönliche Integrität sowie die Verantwortung, das eigene Handeln an den Werten des öffentlichen Dienstes auszurichten.

 

Man kann über Prostitution diskutieren und man kann unterschiedlicher Meinung sein, aber nach einem solchen Abend wird eines schwer: wegzuschauen.

 

Die Veranstaltung wurde begleitet vom Ludwigsburger Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution e.V. (buendnisludwigsburg.de). Die Reihe „Gedankengänge – Das Bildungsforum für Ludwigsburg" greift gesellschaftlich relevante Themen auf und wird gemeinsam von den Ludwigsburger Hochschulen und der Stadt Ludwigsburg organisiert.