Wie verändert die digitale Transformation die öffentliche Verwaltung und was bedeutet dieser Wandel für Führung, Zusammenarbeit und die Beschäftigten? Mit diesen Fragen beschäftigte sich am 1. Oktober 2026 die Fachtagung „Arbeiten und Führen in der Zukunft – Führen in Zeiten der digitalen Transformation“ des Instituts für Angewandte Forschung an der Hochschule für Öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg. Vier Vorträge beleuchteten aktuelle Entwicklungen aus unterschiedlichen Perspektiven, von KI-gestützter Prozessoptimierung über Digital Leadership und hybride Arbeitsformen bis hin zur Führung zur Selbstführung.
Den Auftakt machte Prof. Dr. Benedikt Englert mit seinem Vortrag „Prozessoptimierung in der öffentlichen Verwaltung mit KI – Fluch oder Segen?“. Im Mittelpunkt stand die Frage, unter welchen Bedingungen KI die Verwaltungsarbeit tatsächlich verbessern kann. Führungskräfte spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie müssen geeignete Anwendungsfälle identifizieren, klare Leitplanken setzen, Kompetenzen bündeln und Lernprozesse organisieren. KI ist vor allem dann ein Gewinn, wenn sie konkrete Prozessprobleme löst, verlässliche Daten vorliegen, Prozesse gezielt neu gestaltet werden und menschliche Verantwortung und Kontrolle erhalten bleiben. Wird hingegen ein schlechter Prozess lediglich automatisiert oder der Nutzen nicht überprüft, kann KI bestehende Probleme verstärken. Mit ihrem zunehmenden Einfluss steigen daher auch die Anforderungen an Datenqualität, Nachvollziehbarkeit und klare Verantwortungsstrukturen. Im anschließenden Praxisimpuls ergänzte Dennis Eberle, Bürgermeister der Gemeinde Salach, die Perspektive aus der kommunalen Verwaltung. Er sieht großes Potenzial für KI, etwa bei textgenerativer KI für Pressemitteilungen oder Sitzungsprotokollen sowie der Prozessoptimierung und insbesondere in unterstützenden Bereichen. Zugleich betonte er, dass digitale Prozesse nicht automatisch besser seien. Entscheidend sei eine gute Prozessgestaltung, bei der KI insbesondere bei der Prozessanalyse unterstützen könne.
Im zweiten Vortrag „Digital Leadership – Was ist heute wirklich anders?“ widmete sich Prof. Dr. Claudia Schneider der Frage, was die digitale Transformation für Führung tatsächlich verändert. Dabei wurde deutlich, dass nicht die Technologie allein der entscheidende Treiber ist. Vielmehr werden bestehende strukturelle und organisatorische Herausforderungen durch die Digitalisierung und insbesondere durch KI sichtbarer. Vergleiche verschiedener Erhebungen zeigten, dass zentrale Defizite bereits vor dem aktuellen Technologieschub bestanden. Daraus ergeben sich neue Anforderungen an Personal- und Organisationsentwicklung. Qualifizierung sollte verbindlicher und kontinuierlicher gestaltet werden und über einmalige Schulungen hinausgehen.
Daniel Töpfer, Geschäftsführer der Stadtwerke Soltau, ordnete anschließend die Veränderungen aus Führungsperspektive ein. Während früher das Sammeln von Informationen im Vordergrund stand, können heute mithilfe von KI große Daten- und Wissensmengen in kürzester Zeit verfügbar gemacht werden. Damit verschiebt sich die Rolle von Führung. Entscheidend sind weniger Wissensvorsprünge als vielmehr die Fähigkeit, Informationen einzuordnen, Zusammenhänge zu erkennen und fundierte Entscheidungen zu treffen.
Prof. Dr. Anna Steidle rückte in ihrem Vortrag „Hybrides Arbeiten als Führungsaufgabe – Arbeit wirksam gestalten“ die konkrete Gestaltung hybrider Arbeit in den Mittelpunkt und zeigte, dass deren Wirkungen wesentlich von den jeweiligen Anforderungen und Ressourcen sowie ihrer Gestaltung abhängen. Als Ansatzpunkte stellte sie die Kompetenzentwicklung der Beschäftigten, die Arbeitsgestaltung durch Job Design und Job Crafting sowie die gemeinsame Regulation der Zusammenarbeit in hybriden Teams vor und griff mit FlexAbility wissenschaftlich fundierte Gestaltungsansätze auf. In der anschließenden Praxisdiskussion mit Robert Wörner wurden diese Überlegungen auf konkrete Führungsfragen im Verwaltungsalltag übertragen.
Robert Wörner, stellvertretender Leiter des Jobcenters Landkreis Heilbronn, fügte der wissenschaftlichen Perspektive Erfahrungen aus der Praxis hinzu. Nach anfänglich großen Freiheiten beim mobilen Arbeiten wurden verbindliche Rahmenbedingungen geschaffen. Aktuell können Mitarbeitende bis zu 50 Prozent ihrer Arbeitszeit im Homeoffice verbringen, sofern keine dienstlichen Belange dagegensprechen. Wörner betonte den Wert der Flexibilität für unterschiedliche Lebenssituationen, hob aber auch die Bedeutung des persönlichen Kundenkontakts hervor.
Den Abschluss bildete der Vortrag „Superleadership – Führung zur Selbstführung“ von Prof. Dr. Martin Sauerland. Er legte seinen Fokus auf das Verständnis zum Thema Führung, das nicht primär auf Anweisung und Kontrolle setzt, sondern auf Eigeninitiative, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Führungskräfte unterstützen ihre Mitarbeitenden dabei, ihre eigenen Fähigkeiten zur Selbstführung zu entwickeln, indem sie Vertrauen schenken, Orientierung geben und die notwendigen Ressourcen bereitstellen. Das Konzept der Selbstführung wurde dabei anhand des „ABC“ strukturiert: Affect steht für Emotionsregulation, Behavior für Verhaltens- und Willenskontrolle und Cognition für die Steuerung von Gedanken und Mindset. Vorgestellt wurden verschiedene Strategien, die dabei helfen können, das eigene Verhalten, die eigenen Emotionen und Denkmuster bewusst zu steuern.
Maria Peter, selbstständiger Coach für mentale Gesundheit, ergänzte den Vortrag um die psychologische Perspektive. Sie betonte, wie wichtig es ist, Mitarbeitende individuell in ihrer Entwicklung und Selbstführung zu unterstützen. Dafür sollten Führungskräfte sowohl die eigene Einzigartigkeit als auch die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden erkennen und berücksichtigen.
Die vier Vorträge inklusive der Praxisbeiträge machten aus unterschiedlichen Blickwinkeln deutlich, dass die digitale Transformation nicht nur Technologien und Arbeitsprozesse verändert, sondern auch die Anforderungen an Führung und Zusammenarbeit. Ob beim Einsatz von KI, bei digitaler Führung, im hybriden Arbeitsumfeld oder bei der Förderung von Selbstführung sind klare Orientierung, passende Rahmenbedingungen, Vertrauen und die Bereitschaft zur Veränderung gefragt.
