Drei Fragen an...

04.03.2021

Prof. Dr. Gerald G. Sander, M.A., Mag. rer. publ., Professor für Staats-, Verwaltungs- und Europarecht, Leiter des Instituts für Öffentliches Wirtschaftsrecht (IÖWR)

 

Inwiefern beschleunigt die Coronakrise die Digitalisierung?

Die Coronakrise hat die Digitalisierung in Forschung und Lehre sowie in den Verwaltungsabläufen erheblich beschleunigt. Bereits das Sommersemester fand in den beiden Masterstudiengängen und dem Diplomstudiengang Gehobener Archivdienst ausschließlich digital statt. Auch im jetzigen Wintersemester führen wir in den beiden Master-Studiengängen MPM und MEPA überwiegend Online-Lehrveranstaltungen durch. Die Online-Tools, die für die digitale Lehre von der Hochschule angeboten werden, ermöglichen es uns, erfolgreich Lehrveranstaltung durchzuführen und auch aktivierende Methoden wie Gruppenarbeit einzusetzen.

Auch in der Kooperation mit unseren ausländischen Partnerhochschulen setzen wir erfolgreich digitale Konzepte um. Im Sommersemester wurden in Kooperation mit der Partneruniversität Pilsen die in Präsenz geplanten Erasmus-Vorlesungen erfolgreich auf digitale Online-Formate umgestellt. Mit den Partneruniversitäten in Budweis und Rijeka sind im Wintersemester digitale Konferenzen geplant, an denen auch die Studierenden unseres Master-Studiengangs MEPA mit eigenen Präsentationen teilnehmen werden. Auch in diesem Semester finden wieder Vorlesungen von mir an der Juristischen und der Philosophischen Fakultät in Pilsen in digitaler Form statt.

Die neu geschaffenen digitalen Möglichkeiten leisteten sicherlich einen entscheidenden Beitrag zu der Entwicklung unseres neuen Zertifikatstudiengangs „EU-Kompetenzen mit deutscher Fachsprache“. Dieser Zertifikatsstudiengang ermöglicht Absolventinnen und Absolventen unserer Partnerhochschulen, an einzelnen Modulen des MEPA teilzunehmen und somit ein Zertifikat zu erwerben. Im derzeitigen Wintersemester nehmen vier Absolventinnen der Hochschule Liegnitz an diesem Zertifikatsstudiengang teil.

Natürlich findet nicht nur die Lehre seit März 2020 überwiegend online statt. Angesichts der Zunahme von Home-Office erfolgt auch der wissenschaftliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen oder anderen Forschungseinrichtungen, sowie die Kommunikation mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Verwaltung der HVF mehrheitlich digital.

Die neuen digitalen Techniken können die Kommunikation und Interaktion mit Forschenden, HVF-Beschäftigten und Studierenden über die Grenzen der Hochschule hinaus, auch über nationale Grenzen hinweg, ermöglichen und aufrechterhalten.

 

Welche Herausforderungen ergeben sich durch diese Veränderungen?

Trotz der oben erwähnten positiven Aspekte, welche die zunehmende Digitalisierung mit sich bringen kann, sind damit natürlich auch etliche Herausforderungen verbunden. Eine Abfrage unter den Studierenden im Sommersemester zeigte, dass die Studierenden das Online-Semester überwiegend positiv bewerteten. Immer wieder gibt es – vor allem unter den Studienanfängerinnen und -anfängern – jedoch auch Stimmen, die sich trotz gelungener digitaler Lehrveranstaltungen mehr persönlichen Kontakt wünschen.

Sowohl Dozentinnen und Dozenten als auch das Studienmanagement haben sich intensiv mit diesen Herausforderungen auseinandergesetzt und Lösungsvorschläge erarbeitet. Viele Dozierende nutzen digitale Gruppenarbeit, um das Kennenlernen der Studierenden untereinander zu vertiefen. Das Studienmanagement bietet digitale Sprechstunden an, um den Kontakt zu den Studierenden aufrechtzuerhalten. Der Alumni-Verein wird aktiv einbezogen, um die Vernetzung der Studierenden untereinander zu fördern.

Natürlich gibt es auch Herausforderungen, die allein von der Hochschule, den Dozierenden und Beschäftigten, nicht gelöst werden können. Vereinzelt haben sich Studierende, vor allem aus dem ländlichen Raum beklagt, dass ihre Verbindung nicht immer stabil sei.

Einem ganz speziellen Problem stehen unsere MEPA-Studierenden im dritten Semester gegenüber. Ein Auslandspraktikum ist für diese Studierenden verpflichtend. Dank der digitalen Technologie können die Studierenden ihr Praktikum zwar in einer Behörde im Ausland durchführen, jedoch häufig vom heimischen Rechner aus. Hier ist die Digitalisierung Fluch und Segen zugleich. Die Studierenden müssen auf ihr Praktikum nicht verzichten – intensive interkulturelle Erfahrungen sind im Home-Office jedoch nur eingeschränkt möglich.

 

Inwiefern werden diese Veränderungen die Coronakrise überdauern? 

Der durch die Coronakrise bedingte Schub in der Digitalisierung hat Dozierenden, Beschäftigten der HVF sowie Studierenden neue Möglichkeiten eröffnet. Auch nach Bewältigung der akuten Coronakrise werden deshalb sicherlich einige digitale Formate überdauern.

Die in diesem Jahr stattgefundenen digitalen Auswahlgespräche in beiden Master-Studiengängen verliefen sehr erfolgreich und vereinfachten die Teilnahme sowohl für die Mitglieder der Zulassungskommission als auch für Bewerberinnen und Bewerber, da dafür keine weiten Anfahrten nötig waren. Dank des digitalen Formats war auch die Informationsveranstaltung im MEPA dieses Jahr einem weit größeren Publikum zugänglich als in den vergangenen Jahren. Wir können uns daher in beiden Fällen sehr gut vorstellen, auch in Zukunft diese Veranstaltungen digital durchzuführen.

Potenziale gibt es sicherlich auch in der Kooperation mit dem Ausland. Durch gemeinsame digitale Konferenzen oder andere Online-Veranstaltungen kann die Zusammenarbeit zwischen der HVF und unseren Partnerhochschulen nachhaltig gestärkt werden.

In der Lehre ist zukünftig eine Kombination aus digitalen Elementen und Präsenzveranstaltungen denkbar. Einzelne Kurse können in Abstimmung mit den Dozierenden digital durchgeführt werden. Zu nennen wären da zum Beispiel Termine im Rahmen der Projekte im MPM oder bei den Wahlpflichtfächern im MEPA, aber auch die Master-Kolloquien. Doch sind nicht alle Formate gleichermaßen für eine digitale Durchführung geeignet – ein Planspiel oder ein Präsentationstraining in Präsenz aktiviert die Studierenden stärker als das digitale Pendant. Daher wird der deutliche Schwerpunkt der Lehre sicherlich auch in der Zukunft auf Präsenzveranstaltungen liegen.