Drei Fragen an...

11.02.2021

...Prof. Dr. Stefan Holzner zu Corona und Digitalisierung in der Finanzverwaltung und in der Lehre

Inwiefern beschleunigt die Coronakrise die Digitalisierung in der Finanzverwaltung und in der Lehre?

Das "Kerngeschäft" der Finanzverwaltung wird durch die Corona-Krise wohl nicht schneller digitalisiert werden, als es ohnehin schon der Fall ist. Die Finanzämter arbeiten bereits in weiten Bereichen digital, wenn auch stellenweise die Kommunikation mit dem Steuerbürger nach wie vor papierschriftlich abläuft. Die gesetzlichen Grundlagen, Verwaltungsakte nicht nur schriftlich oder elektronisch, sondern auch durch Bereitstellung zum Datenabruf bekanntgeben zu können, bestehen bereits. Die – technische – Umsetzung dieser Möglichkeit wird allerdings noch etwas Zeit beanspruchen. Möglicherweise führt die Corona-Krise hier aber zu einer Beschleunigung der Prozesse.

In der Lehre hat die Corona-Krise einen Digitalisierungsschub ausgelöst, den es ohne diese Krise in den kommenden Jahren schlicht nicht gegeben hätte. Die Studierenden nehmen an online-Lehrveranstaltungen teil, nutzen online die Medien der HVF-Bibliothek und fragen inzwischen natürlich auch nach, ob man nicht auch online die Prüfung ablegen könnte. Aus dem Bereich der steuerrechtlichen Forschung ist festzustellen, dass viele Tagungen oder Vorträge digital angeboten werden. Dadurch kann man an deutlich mehr Veranstaltungen teilnehmen, da die Anreisezeiten (und -kosten) entfallen und auch weniger Vorlesungen verlegt werden müssen.

Welche Herausforderungen ergeben sich durch diese Veränderungen für die Finanzverwaltung und die Lehre?

Eine Herausforderung für die Finanzverwaltung wird es sein, die Digitalisierung von Verwaltungsabläufen so zu gestalten, dass alle Steuerpflichtigen und alle Mitarbeitenden der Finanzverwaltung nach ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten eingebunden werden. So hat z.B. ein gewerblich tätiges Unternehmen aus der Großstadt andere Anforderungen an die Finanzverwaltung als die alleinstehende Pensionärin. Und unsere Studierenden von heute werden als künftige Beamtinnen und Beamte vielleicht eine Videokonferenz (ggf. vom heimischen Arbeitsplatz aus) anregen, um sich mit Kolleginnen und Kollegen anderer Finanzämter abzustimmen, während diejenigen, die dieses Medium bisher nicht so ausführlich kennengelernt haben, vielleicht eine persönliche Besprechung vorziehen.

Für die künftige Lehre sollte bereits unter dem gegenwärtigen Eindruck der Krise objektiv festgestellt werden, welche Aspekte der online-Lehre vorteilhaft sind und welche der Präsenz-Lehre. Für gute Lehre muss auch in Zukunft jede Möglichkeit offenstehen! 

Nicht zu unterschätzen sind die Möglichkeiten, die online-Lehrveranstaltungen und online-(Heim)Arbeit bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bieten, so dass dieser Aspekt beim Wettbewerb um die besten Köpfe sowohl an den Hochschulen als auch in der Verwaltung wohl noch intensiver als bisher berücksichtigt werden muss.

Inwiefern werden diese Veränderungen die Coronakrise überdauern?

Die Corona-Krise führt – bislang – eher nicht zu völlig neuen Entwicklungen, sondern beeinflusst lediglich die bereits angelegten Entwicklungsschritte in Verwaltungspraxis, Lehre und Forschung. So muss heute niemand mehr eine Bibliothek von innen gesehen haben, um studieren zu können, aber Studierende sollten wissen, wie man einfach und schnell Zugang zu geordneten Datenbeständen für Lehre und Wissenschaft erhält, wie man in diesen Daten recherchiert und sie für die eigenen Zwecke verarbeitet. Und das kann man in einer Präsenz-Bibliothek genauso erlernen wie in einer online-Bibliothek. Die HVF bietet beides. Ebenso ist es für das objektive Ergebnis einer Besprechung nicht maßgeblich, ob diese online oder in Präsenz durchgeführt wird. Daher sind die Ursachen für die Veränderungen in der Finanzverwaltungspraxis, der Lehre und der Forschung das Ergebnis einer fortdauernden Entwicklung und nicht in der Corona-Krise begründet, die aber stellenweise zu einer Beschleunigung geführt hat.