Drei Fragen an...

22.12.2020

...Julia Käsmayr zu Corona und Digitalisierung in Verwaltungen

 

Aus Ihrem wissenschaftlichen Gebiet betrachtet: inwiefern beschleunigt die Coronakrise die Digitalisierung (von Verwaltungen bzw. ihrem Umfeld)?

In einem Satz: mit der Verbreitung von SARS-COV-19 ist noch einmal der Beschleunigungsknopf für die Verwaltungsdigitalisierung betätigt worden. Die Digitalisierung in der Verwaltung hatte grundsätzlich schon einen nicht zu leugnenden Dringlichkeitsgrad. Ich verweise auf die DESI Rangliste (Rang 12, Score 56.1) auf dem sich Deutschland befindet, im Vergleich dazu beispielsweise unsere niederländischen Nachbarn (Rang 4, Score 67.7).

Ohne das OZG, „das Gesetz zur Verbesserung des Onlinezugangs zu Verwaltungsdienstleistungen“, das bis Ende 2022 umgesetzt werden soll(te), würde das Projekt VerDi in dieser Form vermutlich nicht existieren. Im Projekt forschen wir zur Qualität des Verwaltungshandelns aus individuumszentrierter Sicht. Das bedeutet, die Perspektive von VerwaltungsmitarbeiterInnen ist von besonderem Forschungsinteresse für uns. Dieser Blickwinkel reicht jedoch nicht aus. Auch die Gegenseiten müssen berücksichtigt werden.

 

Welche Herausforderungen ergeben sich durch diese Veränderungen (für Verwaltungen und ihr Umfeld)?

Viele. Viel zu viele. Wie fühlen sich ältere versus jüngere Bürger, wenn sie wie im ersten Lockdown schon, nicht oder nur extrem eingeschränkt in die Bürgerämter gehen können, aber dringend etwas erledigen müssen und das nur persönlich möglich ist? Ist das zufriedenstellend für sie?

Wie ich schon erwähnt hatte, die Perspektive der MitarbeiterInnen in den Verwaltungen muss berücksichtigt werden. Diese sind mit multiplen Herausforderungen konfrontiert. Sie müssen ihrer Rolle als MitarbeiterInnen gerecht werden, der Behörde in der sie arbeiten, dem Gesetzgeber, mit der Situation – Lockdown- zurechtkommen, technischen Umstellungen, Prozessumstellungen… und sich gegebenenfalls auch noch mit dem Anliegen des Bürgers auseinandersetzen, der durch die Lockdown-Situation gestresst ist. Alle Beschreibungen enthalten die Notwendigkeit mit Ressourcen und Anforderungen umzugehen. Meiner Einschätzung nach kann keine immediate Lösung herbeigeführt werden.

 

Inwiefern werden diese Veränderungen die Coronakrise überdauern?

Ja, gute und valide Frage. Ich habe gerade heute am e-Learning Summit aus Hannover teilgenommen. Die Konferenz war in Anteilen Online und in Präsenz. Es ging im Fokus zwar um den Kompetenzerwerb für MitarbeiterInnen in der Privatwirtschaft, das ist jetzt aber keine Problematik, die der Verwaltung so fern sein sollte. Weiterbildung mit KI in Form adaptiver Trainings war nur ein Höhepunkt. Der Blick in Deutschlands Wirtschaftsunternehmen diverser Größen und Branchen hat offenbart, dass Lernbedarf aufgrund veränderter Arbeitsbedingungen im Sinne von Work und Learning 4.0 notwendig ist. Das heißt, dass sich Prozess, Geschäftsmodelle aber grundsätzlich auch Arbeitskultur und Arbeitsweise aktuell stark verändern. Wir sprechen im Prinzip von Change: Veränderungsprozessen und diese sind mit Akzeptanzdiskrepanzen, Ängsten und Bedenken verbunden. Wenn wir diesen Exkurs jetzt heranziehen, um wieder VerwaltungsmitarbeiterInnen ins Zentrum stellen, dann wird deutlich, dass sich Veränderungen nicht mit der Brechstange herbeiführen lassen, sondern sukzessive in die tägliche Routine diffundieren müssen. Die Änderungen, die jetzt beschleunigt herbeigeführt wurden werden überdauern. Nicht alle werden sich etablieren, weil dazu keine Notwendigkeit besteht. Aber die Veränderung zu digitalem Arbeiten ist notwendig und unaufhaltsam.

 

Julia Käsmayr studierte Modedesign in Düsseldorf und war danach über zehn Jahre freiberuflich in der Modebranche tätig, bevor sie Psychologie an der Universität Koblenz-Landau am Campus Landau studierte. Ihre Studienschwerpunkte waren Wirtschafts- und Medienpsychologie. Sie ist seit August 2020 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt VerDi (VerwaltungsDigitalisierung), das von der HVF Ludwigsburg und dem IWP Köln durchgeführt wird. Parallel promoviert sie aktuell an der Universität Hohenheim in Stuttgart.

 

 

Julia Käsmayr